Für Personen des öffentlichen Interesses kann es durchaus von Vorteil sein, sich nicht zu allem und jedem zu äußern; zumindest, wenn das Gesagte am eigenen Intellekt oder der Gesinnung zweifeln lassen würde.
Je seltener die eigenen Wortmeldungen allerdings ausfallen, desto mehr Bedeutung wird ihnen beigemessen, desto schwerer wiegen sie und desto überlegter sollten sie demnach sein.
Der Österreichische Bundespräsident ist ein geübter Schweiger. Womöglich aus Prinzip. er ist jemand, der sich mutmaßlich aus altersbedingtem, vielleicht aber auch generellem Ruhebedürfnis, gerne etwas zurück nimmt, nicht nur materiell sondern durchaus auch im übertragenen Sinne, etwa wenn es darum geht, sich zu Wort zu melden oder gar mit Medien zu sprechen; Journalisten, die ein Interview mit dem Staatsoberhaupt führen wollen, brauchen vor allem eines: Viel Geduld, bis eine solche Audienz gewährt wird. Man kann nicht immer liberal sein.
Weshalb das einfach kritiklos hingenommen wird, erscheint auf den ersten Blick unverständlich, ist es doch die Zunft der Journalisten, die es bezüglich Selbstherrlichkeit vermag, selbst den einen oder anderen Politiker zu übertreffen.
„So sind wir …“
Wer sich allerdings die wenigen Reden des Staatsoberhaupts anhört und dabei auch wirklich zuhört, der versteht wohl, dass es im Interesse der meisten Journalisten sein dürfte, dass sich dieser Mann möglichst selten öffentlich äußert, denn seine Reden – die rhetorisch wie präsentativ zu den wohl schlechtesten in der Geschichte der Zweiten Republik zählen oder zu den besten, aus den Augen van der Bellens politischer Gegner – vermögen nicht nur die besonnensten Zuhörer in den Wahnsinn zu treiben, nein, nur viel zu oft spielen sie auch genau demjenigen in die Hände, dem der durchschnittliche Journalist garantiert nicht zu Hilfe eilen wollen würde: Herbert Kickl.
Nicht nur, weil die Inhalte spätestens nach ein paar Wochen überholt wären – was sie sind – sondern insbesondere weil die meisten Aussagen auch zu jenem Zeitpunkt, in dem sie erfolgten, für niemanden von Bedeutung sind, der ihnen nicht der gesellschaftlichen Stellung desjenigen, der sie von sich gibt, Bedeutung beimessen. Kurz gesagt: Ohne übertriebenen Glauben an Titel und Positionen kann sich wohl kaum jemand für das begeistern, das der aktuelle Präsident so erzählt, wenn der Tag lang ist. Das gilt für Österreich wie für die USA.
Festspieleskalationen
Ja, erfundene Geschichten, haltlose Behauptungen und wirr konstruierte Erzählungen vermögen die Massen zu bewegen, gar zu begeistern – ob nun lesend, im Theater, Kino oder heutzutage auf der Couch. Weniger Begeisterung bringen die meisten Menschen jenen haltlosen Behauptungen entgegen, die von Politikern geäußert werden. Umso weniger, je arroganter sie vorgetragen werden und an grundlos wirkender Arroganz is van der Bellen wohl kaum zu überbieten.
„Welch Unsinn!“, wird nun der eine oder die andere rufen, doch meine Antwort ist so kurz wie präzise: Hören Sie sich die Reden des Staatsoberhaupts an, die er bei der Eröffnung der Salzburger Festspiele hält und hören Sie dabei auch wirklich zu.
Schon im vergangenen Jahr sorgte der alte Mann in der Hofburg für Verwunderung, als er behauptete, die Freiheit der Kunst sei ein Privileg, also etwas, das einem zugestanden würde und, so der Präsident, für dieses Privileg habe man auch etwas zu leisten und sich – auf die richtige Art und Weise – zu Wort zu melden und in den Gesellschaftlichen Diskurs einzubringen.
Die Sache mit der Heimat
In der diesjährigen Rede äußerte sich van der Bellen nicht über Postenschacher Affären, nicht über die Freimaurerei in Wien, die an den Machthebeln sitzt und auch nicht zu den im Sinkflug gen Boden rasenden Vertrauens- und Zustimmungswerten der Regierung.
Eine weise Entscheidung, will der Präsident der Regierung doch nicht schaden. Weniger weise war es dieser Annahme folgend jedoch, gerade das Wort Heimat zu bemühen und in einem kommunikativen Supergau nicht nur zielsicher und mit Anlauf der FPÖ in die Hände zu spielen sondern auch mangels einer nachvollziehbaren eigenen Definition des Begriffs, zwar die „Zweckentfremdung“ durch andere anzuprangern, dann jedoch mit einer Erklärung aufzuwarten, die schwammiger nicht sein könnte.
Heimat, so der Präsident, sei nicht etwa das, was man daraus mache – ein weltbürgerlicher Ansatz, der wohl durchaus ausgedrückt hätte, was der Präsident mutmaßlich ausdrücken wollte, der verbindend gewirkt und zu mehr Zusammenhalt aufgerufen hätte – nein, darum gehe es nicht, denn Heimat, so van der Bellen, sei eine Gnade (Gottes?, Anm.) und Glück.
Eine zu den sozialistisch autoritären Anwandlungen der Regierung passende Weltsicht, denn Eigenverantwortung wäre demnach nicht von Bedeutung. Und das aus gutem Grund, denn wer seines eigenen Schicksals Schmied wäre, der würde vielleicht auch wirklich zuhören, wenn der Bundespräsident spricht – oder ein Kandidat für dieses Amt. Und dann säße eine andere in der Hofburg.
